Hallo,
Vielleicht ist es ungewöhnlich, dass so ein extrem langes Posting das allererste von jemandem im Forum ist. Aber ich habe noch nie mit jemandem über meine wahren Gefühle zu dem Thema gesprochen und darum ist es mir ein Anliegen mal alles niederzuschreiben…
Ich bin weiblich, 26 Jahre alt und wusste bist vor kurzem nicht mal, dass es Gruppen wie diese hier überhaupt gibt.
Mein AB-tum war mir lange Zeit nicht bewusst. Überhaupt war ich mein ganzes Leben lang eher spät dran. Mit 16 war ich noch ein richtiges Kind, Männer haben mich erst mit ca. 18 Jahren interessiert und da hab ich den Anschluss wohl schon längst verpasst. Ich hab das ganze auch irgendwie „verschlafen“. Ich dachte die ganze Zeit, dass ich ohnehin noch ein „Jugendlicher“ bin und genug Zeit habe. Aber irgendwann bin ich plötzlich aufgewacht und habe mir gedacht: „Herrje, du bist jetzt fast 27, der 30. Geburtstag ist nicht weit weg!“, das kam eben alles mit der Zeit, wo ich angefangen habe, einem seriösen Job nachzugehen, einen eigenen Haushalt zu führen und einfach ein vollwertiger Erwachsener in der Gesellschaft zu sein.
Naja, den Rest kennt ihr ja: Alle anderen Freunde um einen herum heiraten, bekommen Kinder und selber läuft man wie ein 12jähriges Mädchen seinem ersten Händchenhalten hinterher…
Ok, ich war leider aus gesundheitlichen Gründen immer schon übergewichtig, fand mich auch lange Zeit sehr hässlich. Aber seit ca. einem Jahr finde ich mich zeitweise sogar richtig süß, wenn ich lächle.

Letztes Jahr hab ich dann in einem verzweifelten Akt an Selbstdisziplin innerhalb kürzester Zeit 20 kg verloren in der lächerlichen Hoffnung, das würde sofort ALLES ändern. Hat es natürlich nicht, also hab ich mir dann irgendwann gedacht „wozu?“ und hab mit dem Abnehmen wieder aufgehört. Erst jetzt erkenne ich, dass ich das ja in erster Linie für mich tue, darum habe ich jetzt auch wieder damit angefangen, mich langsam und mühselig in Richtung Normalgewicht vorzutasten, und wenn es nur für die Gesundheit ist!

Ich habe mich aber leider nie wirklich für typischen „Frauenkram“ interessiert. Ich wollte mich nie sexy kleiden, war immer schon eher praktisch veranlagt. Ich habe noch nie hohe Schuhe getragen und mich noch nie geschminkt. Ich weigere mich aber auch zu akzeptieren, dass sich eine Frau darüber definiert. Seit letztem Sommer zupfe ich mir aber immerhin die Augenbrauen, das war der erste Schritt meines Lebens in diese Richtung.

Abgesehen vom Aussehen (das liegt ja letzten Endens doch nur im Auge des Betrachters) kann ich mein AB-tum eigentlich in vielerlei Hinsicht nicht ganz nachvollziehen. Ich bin absolut nicht auf den Mund gefallen. Klar bin ich schüchtern, aber wenn ich erstmal ein bisschen mit einem Menschen geredet habe, dann bin ich sogar sehr redselig und habe einen recht guten Sinn für Humor. Ich kann auch generell sehr gut mit Männern umgehen, „fürchte“ mich in keinster Weise vor ihnen!
Auch sonst hab ich hauptsächlich Interessen, die eher als männlich interpretiert werden:
Ich höre Metal, bin also seit meiner frühen Jugend in einer Szene unterwegs, die unter chronischem Frauenmangel leidet. Ich kenne zig Männer, die sich darüber beschweren, dass es eben so wenig Metal-Frauen gibt und sie die typischen Mode-Tussis von außerhalb kaum ertragen. Das jammern sie durchaus auch mir vor, haben aber trotzdem immer genau diese Mode-Tussis über die sie sich beschweren als Freundin.
Vor einigen Jahren habe ich dann begonnen, im bekanntesten Metalclub einer Großstadt hobbymäßig als DJ zu arbeiten, quasi als Frau in einer Männerbastion! Und da dachte ich mir dann „Pass auf, jetzt ist es mit deinem Singledasein bald vorbei. Wenn die Männer erst merken, dass du von etwas Ahnung hast, das sonst ihnen vorbehalten ist, dann werden sie auf dich fliegen!“ Fehlanzeige natürlich. Und das Klischee dass man sich als Frau in einem Job in einem Ausgehlokal nicht vor Angeboten retten kann trifft auf mich auch nicht zu. Die einzigen Kommentare die ich beim Auflegen bekomme sind „Wo isn der richtige DJ?“ und natürlich der überaus verletzende Klassiker: „Wie heißt denn deine Freundin?“
Außerdem habe ich Mathematik studiert, ich mag Computerspiele, tendiere eher zu Abenteuerfilmen und bin begeisterte Aquarianerin, auch da gibt es weitaus mehr Männer. Typische „Fraueninteressen“ hab ich eigentlich nicht, wenn ich so drüber nachdenke. Also ja, ich bin eigentlich immer und überall von mehr Männern umgeben!
Mir war nicht ganz klar ob ich als HC+AB oder HC-AB einzustufen bin. Meine Erfahrungen sehen so aus:
Meinen ersten „Kuss“ habe ich vor 1,5 Jahren im Alter von 25 bekommen. Kuss kann man das aber nicht nennen, das war ein flüchtiges Küsschen auf die Lippen, geschlossen natürlich. Außerdem war das ein guter Freund von mir, von dem ich nichts wollte, der nichts von mir wollte… um diesen lächerlichen Kuss habe ich ihn auch geradezu angebettelt.

Wie ich ihm dann Monate später davon erzählt habe wie wichtig dieses nicht nennenswerte Ereignis für mich war, hat er ein bisschen Panik bekommen, dass er jetzt „Verantwortung“ hätte, was ich ja nie so gesehen hätte. Er hat sich dann leider von mir distanziert. Was ich sehr schade fand, weil ich gerade seinen Rat im Bezug auf Männer immer sehr zu schätzen wusste und er auch sonst ein sehr guter Freund von mir war. In diesen Tagen bringt seine Freundin übrigens ihr erstes gemeinsames Kind zur Welt. Viel Glück an dieser Stelle!
Interessanterweise ist dann nur einen Monat später ein sehr wichtiger ANDERER Mann in mein Leben getreten. Der erste, der mich gerne von sich aus küssen wollte. Aber auch das war genauso wie oben beschrieben: Geschlossene Lippen, nur flüchtig. Aber es ging von ihm aus! Mit diesem Mann habe ich bis heute Kontakt und er ist ein sehr wichtiger Mensch für mich geworden. Er würde mich wirklich gerne nehmen, hat aber leider eine Freundin und wohnt sehr weit weg, sodass wir nie übers Reden hinausgekommen sind. Aber er hat mir mehrmals gesagt, dass er unglaublich gerne mit mir schlafen würde, das aber wegen der Freundin nicht geht. So nah war ich noch nie dran, deswegen weiß ich auch gar nicht, ob ich drüber froh oder traurig sein soll….
Ich hatte mit diesem Mann ein unglaublich schönes Erlebnis, wo ich einen Abend lang in seinen Armen gesessen bin, einfach seine Nähe gespürt habe. Ich glaube das war der intimste Moment meines Lebens.
Ich weiß, dass ich mir diesen Mann aus dem Kopf schlagen muss, aber er hat eine unglaublich wichtige Rolle für mich eingenommen. Er sagt mir ständig wie hübsch und intelligent ich bin, war auch der erste der Positives über meinen Körper sagen konnte. Nachdem er mich in schwierigen Situationen immer wieder aufbaut sage ich gerne dass er bis auf den körperlichen Aspekt alle anderen Komponenten eines „festen Freundes“ für mich erfüllt. Ich weiß nur nicht so ganz, ob mich das glücklich machen soll. Wir reden eben und er erzählt mir, dass ich ein toller Mensch bin. Das wars.
Also jetzt dürft ihr euch über HC+AB oder HC-AB streiten. Das waren zwei „Küsse“ bei geschlossenem Mund….
Reaktionen anderer Menschen tun mir weh. Je älter ich werde umso weniger glauben mir Leute. Da kommen dann so Dinge wie:
„Bist du dir sicher?“ (oh hoppla, da hab ich wohl alle meine Sexabenteuer vergessen!)
„Ach, du hast dich also verliebt?“ (ja verdammt, auch ICH habe Gefühle!)
„Du darfst nicht so anspruchsvoll sein!“ (bin ich ÜBERHAUPT nicht! Das einzige was ich von einem Mann verlange ist, dass er mich mag und nett zu mir ist. Männer in die ich mich verliebt habe haben noch selten meinem optischen Idealbild entsprochen)
„Such nicht danach, dann wirst du auch gefunden!“ (*seufz*, wirklich…)
„Ich versteh das nicht, du bist doch so ein toller Mensch!“ (Kommt sehr oft, aber NUR von Frauen…)
Und den hier finde ich persönlich am schlimmsten:
„Wenn man als Frau Sex haben will kann man den immer haben!“
Nein, leider nicht. Ich hatte Anfang 20 die verzweifelte Phase wo ich Männer in meinem Umfeld direkt GEFRAGT habe ob sie mit mir schlafen würden... Meine Lieblingsantwort damals war: „Aber du bist eine Jungfrau, ich kann nicht mit dir schlafen!“ Und wie wird man dann Nicht-Jungfrau, häh?
Ich bin absolut nicht prüde, rede sehr offen über Sexualität und habe auch konkrete Vorstellungen davon, welche sexuellen Vorlieben ich habe. Ich halte mich selber eigentlich für einen SEHR sexuellen Menschen und würde am liebsten täglich Sex haben (ja, das schlägt sich leider auch in der Masturbationshäufigkeit nieder). Auch was das betrifft bin ich wohl eher typisch männlich. Natürlich fehlen mir auch die anderen Aspekte einer Beziehung sehr, aber die Tatsache nie Sex zu haben wird immer dominanter und fast unerträglich. Manchmal reagiere ich auch richtig aggressiv auf absolute Nichtigkeiten, was ich auch oft auf meine Sexlosigkeit zurückführe. Zumindest von Männern die lange Zeit keinen Sex hatten wird das immer wieder berichtet.
Wer mir sehr in meiner Einsamkeit hilft ist mein Kater. Gottseidank ist er selber auch ein absoluter Kuscheltyp, so komm ich zumindest zu Körpernähe.

Momentan versuche ich, mein Leben ein bisschen umzukrempeln, weil ich endlich den Ernst der Lage erkannt habe. Ich bin gerade dabei, alle wirklich guten männlichen Freunde von mir darum zu bitten mir EINE nette Sache über meine inneren Werte und EINE nette Sache über mein Aussehen zu sagen. Da waren schon wirklich schöne Sachen dabei und es ist sehr gut, mal sowas zu hören.

So, das war meine Lebensgeschichte. Hochachtung an jeden, der sich so viel durchliest. Ich erwarte mir jetzt auch gar nicht, dass das hier großartig oft gelesen wird. Aber ich bin froh, dass es mal in Worte gefasst wurde.
Dankeschön.