Ich weiß nicht genau, warum ich das hier schreibe. Mir ist momentan einfach danach. Ich habe das Bedürfnis es mitzuteilen, ohne dafür konkrete Antworten oder Lösungen zu erwarten. Leider habe ich, von meiner Mutter mal abgesehen, niemanden mit dem ich darüber reden könnte. An Freunden habe ich nur noch jemanden in meinem "Betrieb", den ich mehr als Bekannten als einen Freund bezeichnen würde und meinen letzten Psychotherapeuten habe ich durch dümmliche Fehler meinerseits verloren. Irgendwie blieb mir da nur noch dieses Forum.
Wie auch immer, vor ein paar Stunden habe ich erfahren, dass mein Vater gestern Abend im Krankenhaus gestorben ist. Woran genau, kann noch niemand sagen, weil er seit ein paar Tagen im Krankenhaus wegen einer anderen Sache und auf dem Weg der Besserung war. Selbst die Ärzte haben nichts erkennen können, doch irgendwann gegen 18:00 Uhr brach er zusammen und konnte trotz fast vierzigminütiger Reanimationsversuche nicht wiederbelebt werden. Woran er genau gestorben ist, soll nun eine Obduktion klären.
Was soll daran nun so Besonderes sein, dass ich das hier mitteile? Es ist doch normal. Jeden Tag sterben mehr oder weniger hochbetagte Väter, die Angehörigen trauern, es kommt zur Beerdigung und das Leben geht schon weiter. Nun, leider liegen die Dinge bei mir nicht so einfach und "normal" als Terminus trifft auf mein Leben schon lange nicht mehr zu.
Mein Vater ist zuletzt in erster Linie mein biologischer Vater gewesen. Den Kontakt zu ihm habe ich abgebrochen als ich ca. 16 war. Nur durch meinen Bruder haben sich in den letzten Jahren zwangsläufig unsere Wege desöfteren gekreuzt. Sei es zu Weihnachten, der Geburt meiner Nichte, Sylvester oder anderen Anlässen, an denen Menschen einander aus Zwang begegnen, ohne es wirklich zu wollen. Ich versuche in Kürze zu erklären, warum das so war:
Meine Mutter und Vater führten gemeinsam einen recht erfolgreichen Handwerksbetrieb. Wir lebten im Elternhaus meiner Mutter und es gab keine großen Probleme. Doch ohne, dass es einer von uns gemerkt hätte, hat mein Vater über viele Jahre hinweg heimlich getrunken. Als ich ca. fünfzehn war, wurde sein Alkoholismus jedoch immer schlimmer und offensichtlicher. Meine Mutter sah sich gezwungen sich von ihm solange zu trennen bis er vom Alkohol weg ist. Er zog aus und machte mehrere erfolglose Entziehungskuren. In der Zeit führte meine Mutter mit Arbeitskollegen die Firma weiter. Nach einer erfolgreichen (?) Entziehungskur kam er zurück, war aber nicht mehr derselbe. Er hatte paranoide Wahnvorstellungen, dass meine Mutter ihn betrüge, ihm Geld stehlen würde usw. Er tyrannisierte sie und warf sie zum Schluss aus der Firma. Er hegte extrem brutale Rachegedanken an meiner Mutter und ihren neuen Freund. Durch seine Intrigen verlor sie den Großteil ihres Freundeskreises. Zum Schluss jagte er die Firma absichtlich in den Bankrott, weil er wusste, dass im Falle einer Insolvenz meine Mutter mit ihrem Elternhaus bürgte. Trotz des Verkaufs unseres Hauses, verblieb noch für viele Jahre meine Mutter in der Privatinsolvenz. Diesen Tatbestand konnten wir ihm jedoch nie nachweisen. Ich stellte ihn dafür am Telefon zur Rede, er reagierte eingeschnappt, legte auf und das war das Ende unseres Kontaktes. Erst ca. zehn Jahre später traf und sprach ich mit ihm erstmals kurz wieder.
Als ich erfuhr, dass wir unser Haus verlieren, brach bei mir erstmals die Depression aus, unter der ich noch heute leide. Obwohl es mir relativ leicht fiel mich von ihm "physisch" zu lösen, so konnte ich ihn nie wirklich endgültig abstoßen. Nie war es mir wirklich möglich gewesen, ihn für das was er getan hat, zu hassen, so sehr ich es mir auch wünschte es zu können. Ich kann so ziemlich alles und jeden auf der Welt leidenschaftlich hassen, doch ausgerechnet ihn nicht. Noch problematischer wurde es durch meinen Bruder. Er zog nach der Trennung zu ihm, hielt zu ihm und baute erneut eine Firma auf, die er bis heute führt. Was mein Vater angerichtet hatte, stritt er einfach ab bzw. wollte es nicht wahrhaben. Gleichzeitig hielt mein Bruder auch guten Kontakt zu meiner Mutter und mir. Er wollte beide nicht verlieren. Als ich meinen Vater 2007 erstmals wieder traf, gab er sich zwar friedlicher und halbwegs besonnener, doch hatte er absolut keine Einsicht in das was er angerichtet hat. Er stritt einfach ab am Verlust unseres Hauses verantwortlich zu sein. So sah auch ich keinen Anlass ihm zu vergeben, geschweige mit ihm wieder Kontakt aufzunehmen. An besagten Anlässen wie Weihnachten & Co. versuchte ich ihn zu vermeiden wo es mir möglich war.
Nun ist er tot. Mir war schon klar, dass früher oder später dieser Moment und sämtliche damit verbundenen Konsequenzen kommen, doch so früh hätte ich niemals damit gerechnet. Ich glaube, er war zuletzt ca. Siebzig Jahre alt. Noch vor einigen Jahren dachte ich, ich könne mich über seinen Tod freuen bzw. es würde mich innerlich entlasten, doch dem ist nicht so. Ich bin nicht richtig geschockt, mehr überrascht, und ich kann mich darüber weder freuen, noch darüber trauern. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben kann. Ich weiß nur, dass die Dinge jetzt für mich nicht einfacher, sondern schwerer geworden sind - nicht zuletzt weil Weihnachten vor der Tür steht. Meine größte Furcht ist, dass mein Bruder mich für mein Verhalten und die Haltung der letzten fünfzehn Jahre gegenüber meinem Vater hassen wird. Meine Mutter versucht mich zu beruhigen und meint dem sei nicht so. Sie wünscht sich lediglich, dass ich mit ihr zusammen auf seine Beerdigung gehe.
Doch da sehe ich Unmengen an Konfliktpotential, nicht nur mit meiner Verwandtschaft, sondern auch mit mir. Ich meine, m.E. geht man nur zur Beerdigung von Menschen, die einem nahe stehen. Erst den Kontakt zu jemandem abbrechen und dann auf seine Beerdigung gehen? Ich finde das eigentlich sehr unredlich. Ich könnte jeden meiner Verwandtschaft väterlicherseits (Tante, Cousins) - mit denen ich auch den Kontakt abgebrochen habe - verstehen, wenn sie mich dort nicht zu sehen wünschen. Andererseits hat auch meine Mutter nicht Unrecht. Nicht auf die Beerdigung des eignen Vaters gehen kommt genauso schlecht an. Wie ich es mache, ich mache es falsch.
Wie bereits erwähnt, ich weiß nicht, warum ich das hier mitteile. Ich kann von niemandem hier einen Ratschlag erwarten oder fordere von niemandem sein Beileid ein. Ich wollte einfach nur ... schreiben.
