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 Betreff des Beitrags: Mein Vater ist tot!
BeitragVerfasst: 11.12.2011, 14:53 
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Ich weiß nicht genau, warum ich das hier schreibe. Mir ist momentan einfach danach. Ich habe das Bedürfnis es mitzuteilen, ohne dafür konkrete Antworten oder Lösungen zu erwarten. Leider habe ich, von meiner Mutter mal abgesehen, niemanden mit dem ich darüber reden könnte. An Freunden habe ich nur noch jemanden in meinem "Betrieb", den ich mehr als Bekannten als einen Freund bezeichnen würde und meinen letzten Psychotherapeuten habe ich durch dümmliche Fehler meinerseits verloren. Irgendwie blieb mir da nur noch dieses Forum.

Wie auch immer, vor ein paar Stunden habe ich erfahren, dass mein Vater gestern Abend im Krankenhaus gestorben ist. Woran genau, kann noch niemand sagen, weil er seit ein paar Tagen im Krankenhaus wegen einer anderen Sache und auf dem Weg der Besserung war. Selbst die Ärzte haben nichts erkennen können, doch irgendwann gegen 18:00 Uhr brach er zusammen und konnte trotz fast vierzigminütiger Reanimationsversuche nicht wiederbelebt werden. Woran er genau gestorben ist, soll nun eine Obduktion klären.

Was soll daran nun so Besonderes sein, dass ich das hier mitteile? Es ist doch normal. Jeden Tag sterben mehr oder weniger hochbetagte Väter, die Angehörigen trauern, es kommt zur Beerdigung und das Leben geht schon weiter. Nun, leider liegen die Dinge bei mir nicht so einfach und "normal" als Terminus trifft auf mein Leben schon lange nicht mehr zu.

Mein Vater ist zuletzt in erster Linie mein biologischer Vater gewesen. Den Kontakt zu ihm habe ich abgebrochen als ich ca. 16 war. Nur durch meinen Bruder haben sich in den letzten Jahren zwangsläufig unsere Wege desöfteren gekreuzt. Sei es zu Weihnachten, der Geburt meiner Nichte, Sylvester oder anderen Anlässen, an denen Menschen einander aus Zwang begegnen, ohne es wirklich zu wollen. Ich versuche in Kürze zu erklären, warum das so war:

Meine Mutter und Vater führten gemeinsam einen recht erfolgreichen Handwerksbetrieb. Wir lebten im Elternhaus meiner Mutter und es gab keine großen Probleme. Doch ohne, dass es einer von uns gemerkt hätte, hat mein Vater über viele Jahre hinweg heimlich getrunken. Als ich ca. fünfzehn war, wurde sein Alkoholismus jedoch immer schlimmer und offensichtlicher. Meine Mutter sah sich gezwungen sich von ihm solange zu trennen bis er vom Alkohol weg ist. Er zog aus und machte mehrere erfolglose Entziehungskuren. In der Zeit führte meine Mutter mit Arbeitskollegen die Firma weiter. Nach einer erfolgreichen (?) Entziehungskur kam er zurück, war aber nicht mehr derselbe. Er hatte paranoide Wahnvorstellungen, dass meine Mutter ihn betrüge, ihm Geld stehlen würde usw. Er tyrannisierte sie und warf sie zum Schluss aus der Firma. Er hegte extrem brutale Rachegedanken an meiner Mutter und ihren neuen Freund. Durch seine Intrigen verlor sie den Großteil ihres Freundeskreises. Zum Schluss jagte er die Firma absichtlich in den Bankrott, weil er wusste, dass im Falle einer Insolvenz meine Mutter mit ihrem Elternhaus bürgte. Trotz des Verkaufs unseres Hauses, verblieb noch für viele Jahre meine Mutter in der Privatinsolvenz. Diesen Tatbestand konnten wir ihm jedoch nie nachweisen. Ich stellte ihn dafür am Telefon zur Rede, er reagierte eingeschnappt, legte auf und das war das Ende unseres Kontaktes. Erst ca. zehn Jahre später traf und sprach ich mit ihm erstmals kurz wieder.

Als ich erfuhr, dass wir unser Haus verlieren, brach bei mir erstmals die Depression aus, unter der ich noch heute leide. Obwohl es mir relativ leicht fiel mich von ihm "physisch" zu lösen, so konnte ich ihn nie wirklich endgültig abstoßen. Nie war es mir wirklich möglich gewesen, ihn für das was er getan hat, zu hassen, so sehr ich es mir auch wünschte es zu können. Ich kann so ziemlich alles und jeden auf der Welt leidenschaftlich hassen, doch ausgerechnet ihn nicht. Noch problematischer wurde es durch meinen Bruder. Er zog nach der Trennung zu ihm, hielt zu ihm und baute erneut eine Firma auf, die er bis heute führt. Was mein Vater angerichtet hatte, stritt er einfach ab bzw. wollte es nicht wahrhaben. Gleichzeitig hielt mein Bruder auch guten Kontakt zu meiner Mutter und mir. Er wollte beide nicht verlieren. Als ich meinen Vater 2007 erstmals wieder traf, gab er sich zwar friedlicher und halbwegs besonnener, doch hatte er absolut keine Einsicht in das was er angerichtet hat. Er stritt einfach ab am Verlust unseres Hauses verantwortlich zu sein. So sah auch ich keinen Anlass ihm zu vergeben, geschweige mit ihm wieder Kontakt aufzunehmen. An besagten Anlässen wie Weihnachten & Co. versuchte ich ihn zu vermeiden wo es mir möglich war.

Nun ist er tot. Mir war schon klar, dass früher oder später dieser Moment und sämtliche damit verbundenen Konsequenzen kommen, doch so früh hätte ich niemals damit gerechnet. Ich glaube, er war zuletzt ca. Siebzig Jahre alt. Noch vor einigen Jahren dachte ich, ich könne mich über seinen Tod freuen bzw. es würde mich innerlich entlasten, doch dem ist nicht so. Ich bin nicht richtig geschockt, mehr überrascht, und ich kann mich darüber weder freuen, noch darüber trauern. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben kann. Ich weiß nur, dass die Dinge jetzt für mich nicht einfacher, sondern schwerer geworden sind - nicht zuletzt weil Weihnachten vor der Tür steht. Meine größte Furcht ist, dass mein Bruder mich für mein Verhalten und die Haltung der letzten fünfzehn Jahre gegenüber meinem Vater hassen wird. Meine Mutter versucht mich zu beruhigen und meint dem sei nicht so. Sie wünscht sich lediglich, dass ich mit ihr zusammen auf seine Beerdigung gehe.

Doch da sehe ich Unmengen an Konfliktpotential, nicht nur mit meiner Verwandtschaft, sondern auch mit mir. Ich meine, m.E. geht man nur zur Beerdigung von Menschen, die einem nahe stehen. Erst den Kontakt zu jemandem abbrechen und dann auf seine Beerdigung gehen? Ich finde das eigentlich sehr unredlich. Ich könnte jeden meiner Verwandtschaft väterlicherseits (Tante, Cousins) - mit denen ich auch den Kontakt abgebrochen habe - verstehen, wenn sie mich dort nicht zu sehen wünschen. Andererseits hat auch meine Mutter nicht Unrecht. Nicht auf die Beerdigung des eignen Vaters gehen kommt genauso schlecht an. Wie ich es mache, ich mache es falsch.

Wie bereits erwähnt, ich weiß nicht, warum ich das hier mitteile. Ich kann von niemandem hier einen Ratschlag erwarten oder fordere von niemandem sein Beileid ein. Ich wollte einfach nur ... schreiben.


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Verfasst: 11.12.2011, 14:53 




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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Vater ist tot!
BeitragVerfasst: 11.12.2011, 15:13 
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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Vater ist tot!
BeitragVerfasst: 11.12.2011, 15:41 
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In diesem Fall scheinen Beileidsbekundungen wohl überflüssig. Es ist auch egal, warum du schreibst. Du bist uns keine Rechenschaft schuldig. Dank deiner ausführlichen Schilderung kann man sich in deine Lage versetzen. Auch wenn du nicht um Ratschläge gebeten hast, möchte ich dir trotzdem mitteilen, wie ich über die Sache denke. Ich hatte auch ein paar Jahre keinen Kontakt mehr zu meiner Großmutter, nachdem mein Großvater gestorben war. (Die Sachlage war aber eher banal.) Trotzdem war ich natürlich auf der Beerdigung. Ich würde an deiner Stelle trotzdem zur Beerdigung hingehen, ungeachtet der ungeliebten Verwandtschaft. Es ist "die letzte Ehre" die du jemanden erweisen kannst, unabhängig wie du zu ihm standest. So eine Beerdigung ist ja ein Abschiedsritual. Vielleicht hilft es dir, dich von deinem Vater endgültig zu verabschieden und innerlich etwas zur Ruhe zu kommen. Und deine Mutter hat dich darum gebeten. Für sie ist es sicher auch nicht leicht. Wenn ihr zusammenhaltet und das gemeinsam durchsteht, könnt ihr vielleicht beide gestärkt daraus hervorgehen.

Alles gute!

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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Vater ist tot!
BeitragVerfasst: 11.12.2011, 17:37 
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Wie es ist, die Eltern zu verlieren, kann ich absolut nachvollziehen. Meine Eltern leben beide nicht mehr. Jedoch ist Deine Geschichte echt tragisch, das mit der Firma, das mit dem Alkohol. Vielleicht brauchst Du erst ein wenig Zeit, das ganze zu realisieren, wenn Dir nicht nach trauern ist, dann ist es halt so. Es ist verständlich durch die Geschichte, Du geschrieben hast. Sicher ist tief in Dir ein Gefühl von Liebe für Deinen Vater, denke es geht vielen so, trotz schlimmen Dingen, die der Mensch getan hat. Ich wünsche Dir samt Familie viel Kraft für die nächste Zeit. Manchmal geht eine Tür zu und eine andere öffnet sich. ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Vater ist tot!
BeitragVerfasst: 11.12.2011, 18:41 
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Alles gute wünsche ich dir!

Wenn jemand stirbt, kommt es immer darauf an, wie nahe einem dieser Mensch war.

Als meine Mutter in den 90er Jahren starb, traf mich das nicht sehr. Wir hatten kein gutes Verhältnis mehr.
Ich nahm es zur Kenntnis und ging mit meinem Bruder an ihre Beerdigung. Wir standen vor ihrem Sarg und ich empfand nichts.

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Abwarten!


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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Vater ist tot!
BeitragVerfasst: 16.12.2011, 19:47 
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Heute war seine Beerdigung. Ich wollte mich hiermit noch bei euch für euren Beistand bedanken. Vor allem dir Uhu, du hast mich wahrscheinlich vor einer großen Dummheit bewahrt. Zur Beerdigung zu gehen war wohl doch die richtige Entscheidung.

Bis heute morgen war die Welt für mich immer noch die gleiche. Meine Gedanken kreisten um ganz andere Dinge. Der Freitag sollte für mich lediglich schnell vorbei sein. Erst wenige Stunden vor der Fahrt zum Frühstück wurde mir schlecht. Erst während der Trauerfeier wurde ich sehr traurig. Ich musste um ihn weinen und verstand nicht wirklich warum, wo ich doch den Kontakt zu ihm abbrach und er mich und meine Mutter so ins Unglück stürtzte. Und meine Verwandtschaft als auch mein Bruder verfluchten mich nicht, wie ich anfangs fürchtete, auch wenn das Beziehungsgefüge weiterhin mehr als schwierig bleibt.

Ich weiß nicht, ob es euch interessiert, aber ich sollte es hier erwähnen: Ursprünglich musste er wegen Blutungen ins Krankenhaus, die jedoch nach einer OP sich als harmlos erwies. Rein von der Physis her hätte er das Krankenhaus bald gesund verlassen können. Doch er hat, obwohl es keinen Anlass gab, nicht an eine Genesung geglaubt. Schon vor der Einlieferung glaubte er fest, er werde sterben oder zumindest als Pflegefall bis zum Rest seines Lebens an der Maschine hängen. Er fing an sich von Familie und Umgebung zu verabschieden, weil er seinen Tod schon kommen sah - was bei ihm nicht das erste mal gewesen wäre. Selbst die gelungene OP konnte an seiner Haltung nichts ändern. Leider hatte er ein schwaches Herz und war schließlich nicht mehr der Jüngste.
Ein endgültiges Ergebnis der Obduktion steht anscheinend noch nicht fest, aber nach allem was ich gehört habe, scheint er aus "Angst vor dem Tod" gestorben zu sein. Es scheint gewissermaßen eine "Selbsterfüllte Prophezeiung" gewesen zu sein.

Edit: Ich habe mit meinem letzten Psychotherapeuten über ihn vor etwa einem halben Jahr gesprochen. Er hatte schon oft solche abgrundtiefen Existenzängste. Der Therapeute meinte, das höre sich schwer nach einer "Angstpsychose" an.

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